Chilly Gonzales – 20.05.2016 – Köln, Kulturkirche

Da wo sonst Gebetsbücher die Halterungen der Bänke in der Lutherkirche schmücken, standen an diesem Abend leere Biergläser. Hinzu kam ein kanadischer Klaviervirtuose, der einem neunjährigen Jungen vom Drogenkonsum am Lagerfeuer erzählte und von “Bitches” und “Motherfuckers” sang beziehungsweise rappte. Spätestens nach Chilly Gonzales’ Auftritt ist man der felsenfesten Überzeugung, dass die Kirche in Köln-Nippes nun entweiht sein muss.

Der mittlerweile 44-jährige kanadische Musiker betrat die Bühne gewohnt in Bademantel und Pantoffeln. Anfangs spielte er ausschließlich Instrumentalstücke von den Alben Chambers, Solo Piano I und Solo Piano II. Währenddessen gab er den Zuschauern schon erste Impressionen seines humorvollen Entertainment-Könnens (das oftmals an Helge Schneider erinnert), indem er beispielsweise den Deckel des Klaviers als Perkussionsinstrument benutzte und obendrein noch versuchte seine Stücke in höheren Lagen rechts neben der Klaviertastatur weiterzuspielen.

Danach plauderte Chilly Gonzales aus dem Nähkästchen und verwies die Zuschauer auf die Leuchtreklamen links und rechts neben der Bühne, auf denen Telekom Electronic Beats stand. Anschließend schaute er verwundert auf das Klavier und dann wieder in die Menge. Er erzählte spaßig von seinem Vertrag mit der Telekom, der nach stetigem Hin- und Her schließlich forderte, dass exakt  33,3% des Auftritts mit elektronischer Musik gefüllt sein müsse. Chilly willigte ein und liess mithilfe eines Synthesizers hip-hop artige Drum Samples und tiefe, dumpfe Basslines gepaart mit hibbeligen Rapeinlagen auf das Publikum los. Im weiteren Verlauf holte sich Chilly zweimal Unterstützung aus dem Publikum, wobei ein erst neunjähriger Junge ihn in crescendo-artiger Manier unterstützte.

Chilly liess die Zuschauer jedoch nicht gehen ohne ihn musikalisch unterstützt zu haben und so verlangte er, dass die Zuschauer eine Melodie so singen sollen wie sich deutsche Fussballfans nach einem Sieg ihrer Mannschaft anhören, die ihn nachts um drei Uhr in Köln aus dem Schlaf reissen. Das Publikum grölte, worauf sich Chilly ein leichtes Lachen nicht verkneifen konnte.

Mit der Zugabe “Why Don’t We Disappear?” schlug Chilly jedoch schließlich erstmals ernste Töne an. Er offenbarte den Zuschauern, dass ihm dieses Lied sehr am Herz läge und er nach jahrelangem Suchen mit der Cellistin Stella Le Page jemanden gefunden hätte, der in der Lage war diesen Song singen zu können. Mit der Piano-Version von “Why Don’t We Disappear?” entließ er seine Jünger dann in die Kölner Nacht. In Erinnerung bleibt ein überragender Musiker und Entertainer, was an sich aber auch schon seit seinem Debütalbum Gonzales Über Alles hätte klar sein müssen.

Foto: Diefenbacher. All rights reserved.

Links:

Chilly Gonzales Homepage
Chilly Gonzales Facebook
Stella Le Page Facebook

Termine:

21.12.2016 Tonhalle Düsseldorf – Düsseldorf
30.12.2016 Kölner Philharmonie – Köln
03.05.2017 Wiener Konzerthaus – Wien

Niklas Johnen

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