Pink Floyd – More

Pink Floyd haben mit ihrem Album More von 1969 nicht nur Musik- sondern auch Filmgeschichte geschrieben. Die Band schlägt für sie bis dato unbekannte Töne an, dringt in noch nicht erkundete Gefilde vor.

Mit „More“ wurden der Band seitens ihres Plattenlabels EMI keinerlei Grenzen gesetzt, sie konnten experimentieren, ihren Ideen freien Lauf lassen. Die Filmmusik passt perfekt in die Ausprägung des neuen Stils, den Pink Floyd von ‘68 bis ’70 für sich entdeckt haben. Ob Metal, Blues oder Lagerfeuer-Percussion, auf dem Album ist so gut wie alles vertreten.

Innerhalb von acht Tagen schafften es David Gilmour, Nick Mason, Roger Waters und Richard Wright (More ist übrigens das erste Album ohne Syd Barrett) damals einen kompletten – und ihren ersten – Soundtrack zu einem Film zu schreiben.

Der gleichnamige Film More oder auch More – mehr – immer mehr von Barbet Schroeder zeigt das Leben der späten 60er Jahre. „Ich will Brücken einreißen“ lautet einer der ersten Sätze im Film und beschreibt vor allem die Vorgehensweise von Pink Floyd beim Komponieren der einzelnen Stücke. Pink Floyd untermalt dieses ab und an skurrile Schauspiel – es geht um Hassliebe, Drogen und das schnelle Geld – gekonnt mit mal psychedelischem Sound, mal ruhig und bedacht. Je nachdem, was die Szene gerade abverlangt.

Manchen Stücken, vor allem jenen, die ausschließlich instrumental sind, merkt man schnell an, dass sie nur zur Untermalung gedacht sind. Andere wiederum spielten Pink Floyd auch auf Konzerten.

Doch wenn man sich das Album ohne den Film anhört überrascht zunächst erstmal das Durchhaltevermögen der Band diesen ganz speziellen Sound über knapp 45 Minuten durchzuziehen. Danach denkt man sich dann nur noch: „Das ist einfach richtig gut!“

Pink Floyd - Photographer: Storm Thorgerson
Pink Floyd – by Storm Thorgerson

Gemeint sind damit gerade diese Ausbrüche aus dem „normalen“ Pink Floyd-Sound. Das Ausprobieren an Filmmusik. Und diesen Exkurs hat die Band wahrlich gemeistert.

Der Film selber ist schnell zusammengefasst: Der Deutsche Stefan Brückner aus Lübeck hat sein Mathematikstudium beendet und trampt nach Paris, wo er Charlie, einen Gelegenheitsgauner, kennenlernt. Auf einer Hippie-Hausparty bandelt Stefan dann mit der Amerikanerin Estelle an. Zwischendurch erledigt er mit Charlie noch ein paar Einbrüche und trifft sich dann mit Estelle auf Ibiza.

Dort bemerkt er, dass Estelle eine für ihn undurchsichtige Beziehung zu dem älteren Deutschen Dr. Ernesto Wolf hat. Estelle schläft mit ihm, um an Heroin zu kommen. Zwischen Stefan und Estelle entsteht eine Hassliebe, zwischen Estelle und Wolf heiligt der Zweck die Mittel.

Kurze Zeit später überredet Estelle Stefan dazu, Heroin zu spritzen. Die beiden geraten in einen Teufelskreis, in eine Abwärtsspirale. Irgendwann wird Charlie wieder auf den Plan gerufen, der Stefan von Ibiza wegholen und in einen Entzug stecken will. Dazu kommt es jedoch nicht, denn Stefan drückt sich eine Überdosis Heroin.

Mehr wollen ist keine Schande – geht aber manchmal nach hinten los

Die Story ist genauso durchmischt und irgendwie wahllos zusammengewürfelt, wie die dazugehörige Filmmusik von Pink Floyd. Was die ganze Sache allerdings keinesfalls schlecht macht.

Ein paar Beispiele zeigen die perfekte Einbindung der Musik in den Film. Wenn Stefan mit Estelle in ihrem Hotelzimmer ist, sie den Plattenspieler anmacht und „Cymbaline“ spielt, sind die stumpfen Dialoge vorher so gut wie vergessen. „Geh nicht.“ „Warum?“ „Weil ich dich gerne reden höre.“ Cymbaline rettet dieses vorhersehbare Gespräch und Estelles eingeworfenes „Groovy“ beschreibt den Titel perfekt. Das, in der anschließenden vom Song versprochenen „High time“, gezeigte Pink Floyd Vinyl Cover ist dann eine schöne Anspielung darauf, wer eigentlich diese wunderbare Musik zur Einstellung geschrieben hat.

https://youtube.com/watch?v=-s5Rce6tkGk

Auch „The Nile Song“, das erste und einzige Heavy Metal Stück von Pink Floyd, wurde perfekt inszeniert bei der erwähnten kleinen Hausparty im französischen 69er-Stil eingebaut. Passende Location, passender Song. Auch ohne den Film ein gelungenes Experiment.

Mit „Party Sequence“ schlägt Pink Floyd neben dem Heavy Metal Track wieder eine komplett neue Richtung ein. Lagerfeuerstimmung, Percussion, etwas bizarr – es will so gar nicht zu dem Psychedelic-Flair passen. Aber der Song ist auch nur rund eine Minute kurz. Die nachfolgenden Filmszenen sind dann auch ungefähr genauso verstörend, wie der Trommelsound des Liedes. Dass sich Pink Floyd bei der Komposition allerdings selbst nicht ganz ernst genommen haben merkt man schnell daran, dass nach der durchzechten Nacht – die natürlich mit einem Schäferstündchen zwischen Estelle und Stefan endete – ein einsamer Trommler vor dem Haus sitzt und immer noch den Rhythmus schlägt. Der darauf folgende Ausflug von Stefan und Estelle am Strand von Ibiza ist das perfekte Konterfei zu dem Percussion-Stück. Man hört nur den Wind und sieht in bewölkten Himmel. Friede, Freude, Sturmwarnung.

https://youtube.com/watch?v=fbi9lSf4BYE

Das Instrumental „Main Theme“ zum Film ist dann wieder ungefähr das, was man von Pink Floyd kennt. Musik zum wegbeamen – psychedelisch, mit einem gruseligen Einstieg und einem, an Ekstase erinnernden, Höhepunkt.

Alles in allem passt die Musik ausgesprochen gut zu dem Film, den man sich jedoch nicht unbedingt anschauen muss, außer man steht auf Drogenfilme und schlechte Dialoge aus den 60er bis 70er Jahren.

Wenn man die Platte „einfach so“ durchhört, kann man eine Seite von Pink Floyd kennenlernen, die man womöglich davor und danach niemals wieder so sehen konnte. Es ist allemal eine Erfahrung wert und aufgrund der sehr verschiedenen Stile, die die Band auf „More“ anreißt, wird das Vinyl im Gegensatz zum Film keinesfalls langweilig. Nicht einmal auf Dauer.

Jonas Berger

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Jonas Berger

Normalerweise findet man mich im Windschatten eines randalierenden Mittzwanzigers,der nichts besseres zu tun hat als Einhörner mit selbstgeschnitzten Speeren zu jagen.