The Gotobeds – Blood//Sugar//Secs//Traffic

Wer sich in letzter Zeit Mal wieder die Frage gestellt hat, ob es im Jahre 2016 noch Menschen gibt, die sich das Wörtchen Punk auf die Fahne schreiben dürfen ohne dabei wie hoffnungslose Nostalgiker oder verkleidete Teenager zu wirken, dem seien The Gotobeds an dieser Stelle ans Herz gelegt. Mit ihrem zweiten Album überspringen die vier Jungs aus Pittsburgh die leidige „Punk’s-Not-Dead“-Wiederkäuerei und rotzen den Hörerinnen und Hörern elf Songs vor die Füße, die jeden Zweifel an der Lebendigkeit des Punks ganz ohne große Sprüche im Keim ersticken. Allerdings haben wir es bei Blood//Sugar//Secs//Traffic mit einer etwas salonfähigeren, erwachsen gewordenen Version zu tun, in der tatsächlich alle Bandmitglieder mindestens ein Instrument beherrschen und somit eine Daseinsberechtigung haben, die über Bühnenpöbelei hinausgeht. Für ihr zweites Studioalbum haben sich die Gotobeds außerdem Tim Midyett, Joes Casey und Danielle Bouchette zur Verstärkung geholt.

Wie zu erwarten war, handelt es sich bei dem Gros der Tracks um laute, ungehobelte Vocals, die der zweistimmigen Gitarrenbegleitung stimmlich scheinbar höchstens zufällig  in die Quere kommen und sonst in gewohnter Punk-Manier relativ autonom irgendwo in den musikalischen Sphären unterwegs sind. Klassisches Beispiel hierfür wäre der Opener „Real Maths/Too Much“, der zeitweise stark nach den abgedankten Kollegen von The Rakes klingt. Auch inhaltlich wird schnell deutlich, wo der ideologische Hammer hängt. Ohne große Umschweife wird sich  mit der geknechteten Arbeiterklasse solidarisiert und dann noch nebenbei dem elenden Christentum entsagt – hier werden keine halben Sachen gemacht. Passagen wie „If you insist on hanging on the cross/I’ll be at the bar“ machen schnell deutlich, wo Cool-U, Depressed Adult Male, Hazy und Cary Belback stehen. Eine Wagenladung an Anti-Ismen verteilt sich auch über die Lyrics der anderen Songs, wohlversteckt hinter teils geschrienen, teils dahingesagten Worten, fast so, als wären die Gotobeds ganz darauf bedacht, möglichst heimlich ernst und politisch zu sein. Auch „Crisis Time“ rechnet ab mit dem Besitztum, den Medien und dem größten Schurken aller Zeiten, der kommerziellen Musik. Das textliche Rad wird hier zwar nicht gerade neu erfunden und auch die besungenen Bösewichte wurden schon vor 30 Jahren an den Pranger gestellt, aber man nimmt es den Gotobeds tatsächlich ab – wohl auch, weil die musikalische Gesellschafts- und Systemkritik aktuell ein bisschen zu leise wird und unsere Generation mit Krisen vertrauter ist, als sie es sein möchte.

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Neben den Punktourette-Ausbrüchen in Songs wie „Brass Not Rash“ und „Why’d you?“ bietet Blood//Sugar//Secs//Traffic  tatsächlich auch einige ruhigere Nummern; vermutlich, damit man sich von eigenem und fremdem Schweiß befreien und gegebenenfalls unauffällig ein Paar Gliedmaßen auf erste blaue Flecken hin untersuchen kann. „Rope“ und „Red Alphabet“ handeln vielleicht von Liebe, vielleicht auch nicht, zumindest aber von Frauen, mit denen man sich einst auf Teppichen herumwälzte und eine problematische Beziehung führte. In beiden Songs wagen die Gotobeds den Übergang  in verletzliche Indierock-Gefilde, in denen Gefühle mitunter melodisch besungen werden dürfen und neben der ganzen Systemkritik auch mal ein bisschen Raum für enttäuschte Hoffnungen und nagenden Zweifel lässt. Ganz beiläufig, versteht sich. Letztere werden schließlich sowieso in Alkohol ertränkt.  Auch „Glass House“, der vorletzte Song auf dem Album, geht sehr viel tiefer, als sich beim ersten Hinhören erahnen lässt. Dort ist die Rede vom Rückzug einer gemarterten Seele ins fragile Glashaus, die selbstredend niemanden in ebendieses Glashaus hinein lässt und es vorzieht, für alle gut sichtbar anklagend vor sich hin zu leiden. Dass auch hier wieder einmal eine Frau die Wurzel alles Bösen sein soll, sei nun kurz dahingestellt – denn hier bietet sich eine der wenigen Möglichkeiten, herauszufinden, was sich neben Teer und Alkohol sonst noch so im Innenleben echter Punks finden bleibt.

Aber genug nachgedacht, wirklich spaßig wird es wieder mit „Cold Gold (LA’s Alright)“, inklusive ausgelassener Zwischenrufe, großartiger Gitarrensoli und Statements wie „I’m from America, where we don’t move on, just move“.  Der Preis für den besten Songtitel geht definitiv an „Amazing Supermarkets“, der auch über den Titel hinaus ein großartiger Song ist, in dem wieder ordentlich getrunken und dann sehr sympathisch zugegeben wird „Wasted, everybody’s wasted/I know that’s a bad line/But it’s how I’ve spent my time“. Zum Ende hin horcht man dann erneut auf, als Cool-U trocken resümiert „Wasted live, I’ve wasted mine“ und man sich kurz die Frage stellt, ob da nicht doch ein bisschen Kritik an dem No-Future-Kram drin steckt. Binnen Sekunden ist der analysefreudige Geist jedoch wieder gänzlich eingenommen von den Instrumentals und irgendwie ist es dann auch schon wieder ganz egal, wie die Gotobeds das jetzt eigentlich alles meinen und ob sie selbstironisch sind oder bier(!)ernsten Punk fabrizieren, wobei dies allein schon das Paradoxon schlechthin wäre.

Bezüglich der gewählten Instrumente und Melodien sind die Gotobeds vielleicht nicht besonders experimentell und wohl auch keine Virtuosen, die ihresgleichen suchen, allerdings  beherrschen sie es ganz ausgezeichnet, einen ziemlich unbeschwerten Sound zwischen Punk und Indierock auf die Beine zu stellen, der auch die schweren Textpassagen schultern kann. Mit besagten Texten greifen die Gotobeds jedenfalls jede Menge alte Punk-Problematiken auf, stechen eine Reihe von bodenlosen Fässern an und machen sich dann feixend aus dem Staub. Neben den mitunter sehr tiefgründigen und klugen Lyrics ist sicherlich auch immer eine Spur Selbstironie und eine ganze Menge Spaß auf ihrem zweiten Album zu finden. Booklet und Cover der CD lassen übrigens offen, ob „Secs“ für Sekunden oder Sex steht, sicherheitshalber ist letztere Auslegung zweimal fett auf der Rückseite abgedruckt. Sehr sympathisch ist übrigens auch die Tatsache, dass die Gotobeds sowohl aufgeführt haben, wem ihr besonderer Dank gebührt (Gerard Cosloy; und zwar über vierzig Mal inklusive Tippfehler) als auch wem er eben nicht gebührt (Paul Bruno).  Das kann man schon so machen.

Blood//Sugar/Secs//Traffic stellt sich der schwierigen Aufgabe, Mal wieder jemanden in den serpentinenartigen Fußstapfen der Buzzcocks, The Undertones, Sex Pistols und Co. auf den Weg zu schicken – und meistert sie mit Bravour. Wahrscheinlich sogar ohne es darauf anzulegen.

Website: https://thegotobeds.bandcamp.com/
Facebook: https://www.facebook.com/thegotobeds/?fref=ts

Hannah Ruediger

About author

Hannah Ruediger

Studentin. Verrückt nach Foals. Außerdem Indie, Alternative, Dream Pop, Psychedelic Rock, Punkrock, Folk, Post-Punk, Afrobeats.