Jamie Isaac – Couch Baby

Tom Cully alias Jamie Isaac ist wohl einer der neuen aufsteigenden Künstler der Undergroundszene aus South East London. Lange Zeit konnte er sich seine Fanbase nur durch digitale Release-EP’s, Samples und Remixe erweitern, da er noch zu jung war, um öffentliche Konzerte zu geben. Nun ist er 21 Jahre alt, veröffentlichte am 8.07.2016 sein Debüt Couch Baby unter Marathon Artists und tourt erstmals quer durch UK.

Als Mitbewohner und Langzeitkollaborator von Archy Marshall (aka King Krule), der mittlerweile eine breite Masse erreicht, stellt er sich jedoch kaum in dessen Schatten, sondern arbeitet sowohl auf freundschaftlicher, als auch musikalischer Ebene eng mit ihm zusammen. Er selbst beschreibt seinen Stil als filmisch, nachdenklich sowie minimalistisch – die Vorstellung seiner Musik lässt sich allerdings eher auf die moderne Variante der 20-er Jahre Cinéasten im schwarz-weißen Stil projizieren.

Der klangliche Stil siedelt sich in einer Symbiose aus Electronic, Jazz, Ambient und Downtempo an, die von Elementen der HipHop-Sparte ergänzt werden. Besinnt man sich auf den Titel und das passend dazu konzipierte Albumcover, wird man wohl den gesamten Nachmittag die heimischen Gefilde in einem Meer aus Kissen, Pizzakartons, dem kalten Kaffee vom Morgen und einem Stapel von Vinyl kaum mehr verlassen wollen und sich davon berieseln lassen, wenn Jamie Isaac so voller Gelassenheit von seinem unbeschwerten Alltag singt. 12 Tracks, die selten so persönlich klangen und bis zum letzten Ton auf einem geschlossenen Konzept beruhen, das sein Album in ein Intro, Interlude und Outro gliedert, während die Thematik sich in entspannteren Sphären windet.

Couch Baby ist das perfekte Album für verregnete Sonntage, an denen man nach langen Nächten halbverschlafen keine weitere Strecke als vom Bett zum Kühlschrank zurücklegt, die Gedanken mal ausnahmsweise schweifen lässt – oder einen Nachmittag mit Freunden verbringt, dessen Atmosphäre widerhallt wie ein Rausch, der durchgehend im Raum zirkuliert.

Anknüpfend an klassische Jazzlegenden der Westküste wie Jamie Holds, Marvin Gaye, Chet Baker oder Paul Desmond, die Einfluss auf die goldenen Zeitalter der 50/ 60er nahmen, schafft er neue innovative Tracks, die sich in zeitgenössische Produktionsraster fügen, pitcht Vocals und filtert HipHop-Beats mit Delay und Loops über eingespielten Piano-Akkorden mit einer Grundessenz Romantik und Nostalgie. Da lohnt es sich einfach mal die Augen zu schließen und sich von Track zu Track in andere Welten befördern zu lassen! Es empfiehlt sich ebenso den Bass mal bis aufs Maximum auszureizen und sich durch die Lautstärke von jeglicher Realität zu isolieren.

2013 erschien er als damals 19-jähriger mit seiner ersten EP ,,I Will be Cold Soon” , auf die 2014  ,,Blue Break” folgte, auf der Bildfläche: melancholisch, düster und mit so viel emotionaler Tiefe, dass hier atmosphärisch gerne mal Parallelen zu James Blake oder Douglas Dare gezogen werden können.

Seitdem veröffentlichte er kontinuierlich neue Tracks, Remixe und kooperierte mit einer Menge Künstlern aus seinem Viertel. Vor etwa einem Monat stellte er bereits sein Loose Grip Mixtape online, auf dem sich einige Features wiederfinden. Der HipHop-Ableger einte Rapper wie Rejjie Snow, Jesse James Solomon, Jadasea, fokussierte ebenso Produzenten wie Black Mack, Mr Malarky und natürlich Archy Marshall (unter seinem Künstlerpseudonym Edgar the Beatmaker). Zeitgleich fungiert das Mixtape als kleiner Spoiler seines Debüts, da hier bereits Tracks auftauchen, die sich unremixed in die Trackliste von Couch Baby eingeschlichen haben.

Eine der ersten Auskopplungen, die sich auf der Platte wiederfindet, ist ,,Last Drip”, zu der bereits über das Dazed Magazine ein Video von Dexter Navy konzipiert wurde. ,,You can’t try to be high when you’re not high”, die ersten Phrasen des Musikvideos, in dem Archy Marshall so berauschend sinniert, spielen nur darauf an, dass der Track quasi eine audiovisuelle Wiedergabe des Rauschzustands sein wird. Anfängliche Hip Hop Beats, die repetitiv durch diverse Samples von Hauchen, Rauschen und Gelächter unterstützt werden, die im Lo-Fi Charakter widerhallen, scheinen die Wirkung von THC fast cinematografisch festzuhalten. ,,Hold my sides up before my head splits /Drawing lines and markers, now I’m feeling with my eyelids”.

Die Tracks ,,Beauty”  und ,,Find the Words” fokussieren hingegen eher die poetisch-anmutende Seite von Jamie Isaac, in der ein Hang zu Jazzmelodien in Form von Piano und Saxophon hörbar wird, die ihre Lyrics in sich einbetten. Vielleicht sollten wir ihm eine romantische Ader vorhalten, die hier auf so wunderbare Weise realisiert wurde, dass so manche Frau vor Kitsch oder übersteigerter Emotionalität schwach wird. Ähnlich beginnt auch ,,She’ll Always Close In” wie eine narrative filmische Sequenz, die aus einer Aneinanderreihung nostalgischer Momente zusammengesetzt scheint, wenn hier nach einigen Sekunden das Geräusch des Telefonhörers so subtil aufgegriffen wird und einen Dialog einleitet.

Insgesamt präsentiert sich Couch Baby als durchaus autobiografisches Album, das Passagen aus dem Leben von Tom Cully nicht nur in verschiedenen Sequenzen, sondern auch unterschiedlichen Bewusstseinszuständen aufgreift. Die Samples von field recordings fügen sich zu einem authentischen Bildverlauf, den der Hörer frei subjektiv rekonstruieren kann: Spart euch de facto mal die Reizüberflutung vor dem flimmernden Bildschirm und lasst euer Kopfkino entscheiden, wie ansprechend ihr die neue Platte findet!

Denise Schmid

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