Interview: Milliarden

Vor ihrem Auftritt in der Kölner Nachtigall im Rahmen der von Jägermeister gesponserten „Kneipentour“ am 18. August 2016 haben wir uns mit den beiden sympathischen Jungs von Milliarden auf einen Spielplatz gesetzt und in einem angenehm persönlichen Gespräch über Musik, ihr erstes Album und Konzerte gesprochen.

Ben und Johannes, herzlichen Glückwunsch zum Debütrelease. Ich hoffe, da hat alles einwandfrei geklappt!

Ben: (lacht) Ja! Das auf jeden Fall. Ich wusste gar nicht, wie ich mir das vorstellen soll, aber das war das erste Mal. Und wer hätte gedacht, bei seinem ersten Mal, dass das so wird wie es war.

Johannes: Richtig, da hätten wir nicht mit gerechnet, dass dann irgendwann noch diese Kneipentour dazu kommt.

Ben: Die Kneipentour, der Release und die ganzen Festivals. Ziemlich viel, aber ziemlich cool.

Ihr habt euch ja an einer Schauspielschule kennengelernt. Was ist seit dem ersten Treffen bis zu Milliarden passiert?

Ben: Bis jetzt sind fünf Jahre vergangen, eine sehr lange und intensive Zeit – vor allem, wenn man etwas anschiebt von null auf hundert. Jeder, der schonmal eine Band gemacht hat weiß auch, dass das eigentlich keine Sache von heute auf morgen ist, sondern dass das Zeit braucht. Wenn die dann so erlebbar wird wie bei uns, ist das sehr intensiv. Die letzten zwei Jahre waren wir wirklich viel unterwegs. Die drei Jahre davor haben wir viel miteinander geschrieben, Kontakt geknüpft, gebaut und überlegt wie das sein soll und trotzdem war es dann ganz anders. Ich glaube bei uns hat sich nicht viel geändert, außer dass wir älter geworden sind.

Wart ihr also bereits zu Beginn auf einer musikalischen Linie?

Johannes: Wir waren da relativ schnell klar, weil wir beide vorher in Bands gespielt haben. Da war recht fix deutlich, dass die Musik, die wir schreiben,  für ein Bandset gebaut ist und keine elektronische zwei Mann DJ-Duo-Sache ist. Natürlich probieren wir viele Sachen aus, aber nur mal zwischendurch, um von dieser Spur abzukommen, um sich kreativ zu entfalten. Ben ist ja auch krasser Rapper nebenbei noch.

Ben: (lacht) Sag’s den Leuten, Digger – ich fick’ sie alle!

Johannes: Also jeder macht dann auch noch was anderes, aber das dann eher um mal den Kopf freizukriegen, aber sonst ist alles auf die Musik ausgelegt. Verändert hat sich nur, dass wir momentan viel spielen – wie Benni sagt – und dass dieses Hobby oder dieser Traum real ist. Trotzdem hat man keine Kohle und muss nebenbei arbeiten gehen, aber wir sind uns eigentlich sicher, dass alles gerade richtig ist wie es ist. Einfach spielen und nebenbei arbeiten um die Miete zu zahlen.

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Ich empfand euer Album als sehr ambivalent. Es gibt teilweise starke Unterschiede zwischen Gesang und Instrumentführung. Hängt das von der Regieführung beim Song ab?

Ben: Es gibt keine Hierarchie bei uns. Es gibt nur denjenigen, der die Vision spürt und dem lässt man die Vision und dem folgt man. Oder man hat die Vision zusammen und weiß genau wo es hingeht oder beide haben einfach gar keine. Grundlegend ist es aber immer so, dass in jedem Moment beide die Möglichkeit haben das Zepter zu ergreifen und das wandert halt hin und her. Es ist ein Dialog: wenn der eine spürt, spürt er, der andere geht hinterher und umgekehrt.

Johannes: Die Unterschiede, die du beschreibst kommen natürlich auch daher, dass Benni ja Gitarre spielt und ich Klavier. Wenn ich Songs schreibe, habe ich natürlich nicht so ein… Uptempo. Außer wenn ich am Computer mal was programmiere. Benni ist da rein gefühlsmäßig mit seiner Gitarre von sich und der Natur her schneller unterwegs. Dann clasht das manchmal.

Wie lange habt ihr an eurem Debüt gearbeitet? Stand das klare Ziel Album schon immer im Fokus des Schaffens?

Ben: Als wir die EP „Kokain und Himbeereis“ gemacht hatten, kam die ja ohne Label und Unterstützer in dem Sinne raus. Als die dann draußen war, kamen auch schon die Angebote für Plattenverträge und uns war natürlich klar: ‚Wir machen irgendwann eine Platte‘. Allerdings wussten wir nicht: ‚Machen wir jetzt vorher noch eine EP oder schreiben wir erstmal weiter?‘. Dann kam das Signing und wenn du einen Plattenvertrag unterschreibst, machst du halt eine Platte. (lacht)

Johannes: Den Zeitpunkt kann man auch nicht genau festlegen, weil alles sehr zerstückelt war. In Hamburg haben wir aufgenommen, wir wohnen in Berlin und dann hast du eben die Fahrt und nebenbei noch Shows, letztes Jahr haben wir eine riesige Supporttour gespielt, mit all den Konzerten ist die Platte halt Stück für Stück entstanden. Immer mal wieder zwischengehört und wie Benni gerade meinte, war die Frage eben, ob wir vorher noch eine EP machen. Aber das lief alles ohne Druck.

Gab’s eine Phase, die ihr auf dem Weg zu Betrüger als besonders schwer beschreiben würdet?

Ben: Dadurch, dass es immer einen logistischen Aufwand gab – wir mussten in Hamburg auf Sofas schlafen, schauen, wann der Produzent Zeit hat, pendeln, Auftritte spielen – muss man einfach seine Kraft einteilen und fokussieren. Da konzentriert zu bleiben und nicht die Power zu verlieren…klar gibt es dann den ein oder anderen Moment, wo man ordentlich ausgelaugt war. Letzten Endes ist das aber einfach der Job, denke ich. Apropos ausgelaugt: Wir haben ja auch bis gerade noch im Bus gepennt. Ich muss erstmal noch wachwerden. (Ben trinkt einen großen Schluck aus der mitgebrachten Cola)

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Wie sieht denn eure Vision der Reise von Milliarden aus? Gibt es bewusste Ziele? Wäre ein eigener Wikipediaeintrag eins davon?

Ben: Unbedingt der Wikipediaeintrag! (lacht)

Johannes: Den würde ich aber gern selber schreiben. Ganz demütig: Das Ziel ist eigentlich immer so viel spielen wie irgendwie geht. Natürlich kommt noch dazu, dass man dann irgendwann davon leben kann, ohne das man nebenbei arbeiten muss. Ich denke, das ist das nächste Ziel. Das wir uns und die Band bezahlen können und uns um nichts einen Kopf machen müssen, außer die nächsten Songs zu schreiben.

Ben: Für mich ist das nächste Ziel auf jeden Fall die Betrüger-Tour im Winter. Die soll schön werden, uns Spaß machen und allen, die kommen.

Eure Songs sind aus dem puren Leben entnommen…

Ben: Das hast du schön gesagt.

Danke. Zurück zur Frage: Was ist euer maßgeblicher Impulsgeber für die Texte?

Ben: Es ist schon die Schizophrenie, die in den Dingen steckt und sich markant aus ihnen herausschält. Wir werden deswegen auch oft auf die Widersprüche angesprochen, die in unseren Texten Verwendung finden. So fühlt sich aber unser Leben seit rund fünf Jahren an. Auf der einen Seite drehst du ein Musikvideo, hast einen Plattenvertrag mit einem Major Label, wo Leute mit dir arbeiten und für dich. Auf der anderen Seite hast du keine Krankenversicherung, hast keine Kohle – es gibt einfach immer diese Widerstände, die sich reiben im Leben. Ich glaube das ist der Pool, aus dem wir gerade schöpfen. Manchmal sind es auch einfach nur Dinge, die einem ins Auge springen. Der Song Betrüger zum Beispiel beschreibt uns komplett. Unsere naive Herangehensweise an die Dinge. Wir sind jetzt Ende 20, viele meiner Freunde haben einen festen Job, Kinder, fahren in Urlaub und Autos. Wir benehmen uns hingegen wie 15-Jährige. Wir achten nicht auf unsere Sicherheit, auf den längeren Bogen. Wir achten darauf, dass wir unserer naiven Vision gerecht werden. Der Betrug findet insofern statt, dass wir sagen: ‚Wir betrügen die Welt, wir betrügen uns selbst, wir schreiben uns einfach um.‘ Wir leben lieber in der Projektion unserer selbst, in dieser naiven Welt, die wir als Wirklichkeit einstufen. Aus dieser Naivität entstehen auch die Texte.

Unsere Lieblingsfrage: Ihr produziert ja nach wie vor auch noch auf Vinyl. Was haltet ihr vom Streaming?

Johannes: Ich denke, das ist ein Ding der Zukunft. Das kann man gar nicht so aufhalten. Man muss einfach sehen, dass man einen guten Umgang findet. Ich kenne mich damit aber auch gar nicht so richtig aus. Ich bekomme immer nur die Diskussion um Spotify mit – irgendwas ist daran auf jeden Fall ungerecht. Man bekommt ja schon Geld dafür, aber wenn du eben mit einem Label, einem Publisher et cetera zusammen arbeitest, bleibt für den Künstler kaum noch was übrig. Auf der anderen Seite ist es eben gut, dass Leute sich die Musik anhören können, ohne dass sie dafür zahlen müssen, um zu schauen, ob es ihnen gefällt. Vielleicht geht es darum, alles etwas gerechter zu verteilen – wie immer in der Welt, aber das bekommt man vermutlich nicht so einfach hin. Bei uns geht es auch eher darum, dass wir Leute zu unseren Konzerten bringen. Ich hab mich noch nicht so krass damit befasst und als so kleine Band macht das auch noch nicht so viel aus, denke ich.

Ben: Das ist einfach ein Wertediskurs. Sven Regener von Element of Crime echauffiert sich über das ganze Thema ja auch total. Dass man mit diesem ganzen Angebot die Stellung des Künstlers und Musikers total untergräbt und nicht mehr wertschätzt, dass Menschen dafür hart arbeiten. Du arbeitest halt und gibst es den Leuten ohne dass sie was dafür zahlen. Auf der einen Seite kann man das so sehen, auf der anderen – naja. Vielleicht ist die Welt einfach schneller geworden und die Werte verteilen sich um. Die Werte liegen dann vielleicht irgendwann nur noch in den Livekonzerten. Es gibt ja auch ein Überangebot an Musikern, von daher ist das insgesamt ein aufgeladenes Moment, denke ich. Daher, dass einfach jeder Musiker sein kann schwappt dieses Streamingangebot auf. Das ist ja einfach eine Korrelation und muss eventuell einfach so sein. Wahrscheinlich muss es auch so sein, dass wir nicht mehr in den 70ern, 80ern oder 90ern leben, wo du nur ein bisschen bekannt warst und schon verkaufen sich deine Platten, obwohl du ein totales Arschloch bist. Du musst heute einfach mehr ackern. 

Johannes: Das ist vielleicht auch wie mit Emails. Man schreibt nicht mehr so viele Briefe, man verbraucht kaum noch Papier. Wenn irgendwann alle CDs abgeschafft sind – aus welchen Material sind die eigentlich? – ist das ja vielleicht auch gut für die Umwelt. Ich denke auf jeden Fall, dass Streaming die Zukunft ist und damit muss man umgehen.

Danke, Ben und Johannes!


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Rezension von “Betrüger”
Foto: Peter Kaaden

Christian Greiner

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Christian Greiner

Paar-und-zwanzig. Immer irgendwo zwischen Alternative, Indie, Future Bass und Hip Hop unterwegs. Vorzugsweise deutschsprachig. Ich grüße meine Oma!