Warpaint – Heads Up

Nach einer dreijährigen Pause und zahlreichen Versuchen der Selbstfindung kehrt das Quartett Warpaint aus Los Angeles diesen Herbst nun wieder mit gewohnt düsterem Flair zurück und schlägt tanzbare Rhythmen an. Unter Rough Trade Records veröffentlichten sie am 23.09.2016 ihr drittes Studioalbum Heads Up. Die Vorgängeralben, darunter ihr Debüt The Fool (2010), sowie dessen selbstbetitelter Nachfolger Warpaint (2013) schlugen sich in verdichteten Klangsphären nieder, die ätherisch dahin schwebten und eine seichte Melancholie in sich aufsogen. Noch immer ist dieser markante Stil nicht verloren gegangen, sondern wurde lediglich um ein weiteres Spektrum an Genres erweitert, um an Tempo und Tanzcharakter zu gewinnen.

Diesmal werden deutlich die individuellen Züge der Bandmitglieder hervorgehoben: Songwriting, Instrumentals, sowie stilistische Ausweitungen fanden in Eigeninitiative statt und wurden im Studio zusammengetragen. Somit entstanden innerhalb von vier Monaten 11 wunderbare Titel, die in einem immerwährenden Austausch mit ihrem Produzenten Jake Bercovici nun ihre Vollständigkeit fanden. Die Phase, die mit einer Studioabwesenheit aller Bandmitglieder verbunden war, führte zu einer unabhängigen Entwicklung: Gitarristin Emily Kokal beschäftigte sich eingehender mit dem Programm Ableton, Theresa Wayman widmete sich ihrem Langzeithobby, das auf der Produktion von Beat-, Sample- und Live-Instrumentierung basierte. Zeitgleich veröffentlichte Bassistin Jenny Lee Lindberg ihr erstes Soloalbum right on! und tourte quer durch Europa. Diese neue Arbeitsweise sorgte für frischen Wind und erzielte eine genauere klangliche Optimierung, die mit neuem Elan im aktuellen Album realisiert werden konnte. Eine Grundessenz RnB sollte durch die Zunahme von Rhythmus und Geschwindigkeit eingeleitet werden und auch Drummerin Stella Mozgawa wusste sich ihren kreativen Input durch das verstärkte Hören der Pop-Ikone Janet Jackson zu beschaffen oder sich eben Künstlern wie Björk, Outkast und sogar Kendrick Lamar zu widmen. Der Umgang mit Musik abseits des eigenen Genres konnte für alle Bandmitglieder somit als Abstrahierung der eigenen musischen Fähigkeiten genutzt werden.

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Photo: Andy Keilen

Heads Up demonstriert sich zugleich sphärisch, als auch beatlastig, sodass hier Disco-Rhythmen entstehen, die live nicht mehr bloß zum Dahinschwelgen einladen, sondern vielmehr zum Tanzen animieren sollen. Es ist geprägt von weiblicher Sinnlichkeit, die sowohl wispernde Stimmvariationen, als auch subtil pulsierende Keyboard-Melodien aufgreift und sich durch gewohnt düstere Gitarrenakkorde und Schlagzeugtakte energetisch auflädt.

Eingeleitet wird die Neuschöpfung mit dem Track ,,Whiteout”, der mit einer weichen Beatkulisse glänzt und innovative HipHop-Einflüsse der 90er in sich aufnimmt. Die Vocals verzücken mit Lyrics, die Geschichten von Begeisterung, Leidenschaft, Obsession preisgeben bis sie sich zunehmend in eine Zurückgezogenheit der Gedankenwelt entwickeln. Wo sind die Grenzen zwischen Wahrheit und Selbsttäuschung verborgen? Eine omnipräsente Ungewissheit der Emotionen – Warpaint beherrschen es, sich selbstbewusst und geheimnisvoll zu inszenieren. Gitarrendominiert, aufwühlend und mit irritierenden elektronischen Tanzbeats konzipiert, äußert sich der düstere Track ,,By Your Side”. So steckt ,,So Good” voller Anzüglichkeit und Hingabe und wird von getakteten Drumpassagen durchzogen, bis groovige Gitarrenrhythmen und seichter bis verhallter Gesang hinzukommen, in denen man sich verliert. Hypnotisierende Zustände durch Downtempo-Beats, die mit Gitarren-Schnörkeln verziert ertönen, ergeben sich bei ,,Don’t Wanna”, dessen Chorus ,,Don’t wanna defend myself” fast wie ein Mantra klingt und zur Wiederholung auffordert. Abschließend mit der melancholischen, verlangsamten Ballade ,,Today Dear”, die rein akustisch dahinschwelgt, demonstriert sich Warpaint in ganzer Bandbreite der Multiinstrumentalisierung, die die Vielschichtigkeit des Quartetts nochmals bestätigt.

Von Pop-Hooks getrieben und als bereits etablierter Ohrwurm erscheint definitiv die erste Auskopplung ,,New Song”, die eine grobe Vorstellung der neuen Platte liefern sollte, die dennoch insgesamt nicht ganz so verspielt-euphorisch ausfiel. Eine Live-Session gibt es hier schonmal als kleinen Vorgeschmack:

Heads Up erscheint als Album, das Stimmungen in verschiedenen Tempi, Rhythmen, diversen Samples und elektronischen Produktionsrastern filtert und widergibt. Überraschend anders als seine Vorgänger fungiert es als Beweis, das Warpaint eben auch mehr sein kann, als ein düster-sphärisches Quartett des Post-Rock-Zeitalters. Man wird alte Muster wiederentdecken und zugleich neu erworbene Skills sehr gut differenzieren können. Die Spannung auf eine Live-Inszenierung steigt und wer sich die aktuellen Tourdaten bereits im Kalender vermerkt hat, wird vielleicht schon sehr bald die Möglichkeit haben eines ihrer Deutschlandkonzerte zu besuchen.

 

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Photo Credits: Andy Keilen. All rights reserved.

Denise Schmid

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