Tegan and Sara – 09.02.2017 – Köln, Live Music Hall

„Ist hier jemand kürzlich verlassen worden?“ – die freundlichen Gesichter in der Live Music Hall haben sich heute Abend nicht gerade als schüchtern oder verhalten erwiesen, für falsche Aufmerksamkeit anlügen möchte Tegan Quin trotzdem niemand. Nach Sekunden des Zögerns hebt eine junge Frau die Hand. „Ist es endgültig?“ Offenbar ist es das. Tegan spricht ihr, mitten im Konzert und vor allen anderen, gut zu und verspricht, dass es ihr bald schon besser gehen wird. Eine symbolische Umarmung wird durch den Raum gesandt und das Wort „douchebag“ fällt, obwohl Tegan erst kurz vorher feststellt, dass der jüngste Fan in Köln gerade mal elf Jahre alt ist.

„Okay, jetzt kommt nämlich ein trauriger Song“, fügt sie hinzu, während gleichzeitig die ersten Takte von „I was a fool“ anstimmen. Dem darauffolgendem Raunen durch die Halle ist alles zu entnehmen: die Herzen, die wieder ein wenig anknacksen, die Erleichterung, weil endlich der persönliche Lieblingssong gespielt wird oder das Entzücken über die Menschlich- und Natürlichkeit der Zwillinge aus Kanada. Ein Raunen, das so ähnlich schon zu hören war, als die beiden sich für die allgemein selten gesehene Variante, mit einem schon verjährtem Stück – in dem Fall „Back in your head“ – anzufangen, entscheiden. Auch hier scheinen gemischte Gefühle mit an Bord zu sein und sowieso: Heute sind sie alle erlaubt.

Ob es an der guten Laune des Duos liegt, obwohl sie erzählen, dass heute ein Tag ist, an dem scheinbar alles schief läuft? Oder daran, dass Sara Quin auf Tegans Anekdoten immer noch einen trockenen Kommentar bereit hält? Mit ihren Sprüngen setzen sie jedenfalls auch die Masse vor sich in Bewegung und das zieht sich zum Glück bis in die hintersten Reihen, denn Zuspätkommer, die dort stehen, sind schon genug damit gestraft, einen Teil von der bezaubernden Rae Maye verpasst zu haben. Und auch am Tresen erwischt man sicher jemanden beim Mitwackeln, wenn das 2013 erschienene „Heartthrob“ und das aktuelle Album „Love you to death“ rauf und runter gespielt werden.

Wer schon Fan war, als „die noch in kleinen Clubs gespielt haben“ steht heute aber auch nicht mit verschränkten Armen und Miesepeter-Bier in der Ecke – Tegan and Sara sorgen dafür, dass nicht nur „Walking with a ghost“ noch an vergangene Zeiten erinnert. „Als wir elf waren, standen wir total auf New Kids On The Block und waren auf deren Konzerten“, erzählt Tegan, als sie das Mädchen zwischen den Erwachsenen erspäht. Ob es überhaupt weiß von wem sie redet, darüber kann nur spekuliert werden. Wer in dem Alter den besseren Geschmack hat, lässt sich auch nicht diskussionsfrei feststellen. Aber haben New Kids On The Block Popmusik so lebendig und illusionslos auf die Bühne gebracht wie Tegan and Sara heute Abend? Wohl kaum.

Am Merchstand gibt es zur Tour passende Shirts, Kunstdrucke und Socken mit den Gesichtern des eineiigen Doppels. Und wer sich nichts davon mitnimmt, beschallt sich wahrscheinlich spätestens im Auto, Bus oder zu Fuß noch einmal mit der Zwillingsmagie um sie noch ein bisschen länger bei sich zu behalten.

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Lena Zschirpe

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