Bon Iver – i,i

Bon Iver Fans jauchzen und frohlocken: Der große Justin Vernon hat die Wartezeit von Album drei auf vier nicht nur deutlich kürzer gehalten als noch beim gefeierten 22, a million, sondern zusätzlich sein neuestes Werk i,i Wochen vor physischem Release den Ohren der Anhänger via Stream zugänglich gemacht. Ein Geschenk, das so gut klingt, dass der große Meister es wohl selbst nicht mehr ausgehalten hat zu warten.

Der Herbst kommt dieses Jahr überraschend früher – nicht meteorologisch, sondern musikalisch. Denn Bon Iver, das Kollektiv um Mastermind Justin Vernon, feiert mit seinem vierten Studioalbum i,i das Ende eines über viele Jahre aufgebauten Zyklus: Winter, Frühling, Sommer und nun eben Herbst. Die perfekte Analogie zur Veranschaulichung der wegweisenden Diskografie und deren Werdegang vom herzzereißenden Seelenstriptease-Folk hin zum wohl ambitioniertesten und einzigartigsten Sound, den die alternative Musikszene zu bieten hat. Eine Metapher so schön, dass wohl jeder Rezensent rund um den Globus vor Ärger in die Tastatur gebissen hat, weil ihm dieser Geistesblitz vorweggenommen wurde.

Aber gut, es geht hier schließlich um neues Material von Everybodys Darling Justin Vernon, da kann schon mal ein Auge zugedrückt werden. Weil das noch nicht genug ist, liefert er im Pressetext auch noch das Fazit zur Platte gleich mit: “It feels very much like the most adult record, the most complete“. Das ist nicht nur richtig nett, sondern stimmt auch noch inhaltlich zu hundert Prozent. Die Saat wurde gesät, liebevoll gepflegt und jetzt ist Erntezeit, um die Früchte der harten Arbeit einzuholen.

i,i ist nicht nur musikalisches Erwachsenwerden, sondern auch stilistische Evolution und ein homogenes Amalgam des bisherigen kreativen Schaffens zugleich. Während der Vorgänger 22, a million mit all seiner Experimentierfreude die Adoleszenz und Sturm-und-Drang-Phase des Bon Iver-Jahrs darstellt, wird sich beim neuen Album wieder auf das Wesentliche besonnen. Vorbei ist die Zeit des exzessiven Gratwanderns und Grenzenauslotens, das bei aller Genialität und avantgardistischer Energie zuweilen fast schon sperrig und anstrengend wirkte. Songs wie “Holyfields” oder “Marion” wenden nun das Gelernte weise an und schließen endlich den Genre-Graben zu den folklastigen Werken, der wohl bei vielen Fans dafür gesorgt hat, dass Album Nummer drei deutlich mehr Umdrehung benötigt hat, bis es die angemessene Anerkennung und Liebe erhalten hat.

Liebe hat Justin Vernon auch auf i,i wieder zu genüge zu geben und setzt die bekanntlich schönste Sache der Welt erneut in den Fokus seiner Songs. Die Oden sind jedoch dieses Mal deutlich vielseitiger aufgestellt. In “iMi” geht das “i like you i like you / and that aint nothing new” raus an die Liebe des Lebens, während in einigen Tracks wie “Jelmore” die Liebe am Leben adressiert wird bzw. diejenigen, die unser aller Leben bedrohen. Zeilen alá “how long? / will you disregard the heat” prangern die weit verbreitete Ignoranz des Kilmawandels an und legen die Sorgen Vernons frei, die eine apokalyptische Zukunft heraufbeschwören.

Auch instrumental lässt sich in jedem Ton merken, dass Bon Iver das Ziel einer langen Reise erreicht haben. Dem neuen Langspieler wohnt eine unglaubliche Ruhe inne, die wie das goldene Licht des Spätsommers wohlig Mark und Bein durchdringt. “Marion” ist die dampfende Tasse Tee nach For Emma, Forever Ago-Art, “Salem” das nostalgisch-wärmende Kaminfeuer und das allzeit über allem schwebende liebgewonnene Falsett Vernons die wohlige Wolldecke. Die mittlerweile essentiell integrierten sanften Saxophon-Schmeicheleien lassen den Hörer endgültig entspannen und bekommen sogar in “Sh’Diah” ein längst überfälliges, über zwei minütiges Solo spendiert. i,i ist quasi die Zen-Platte der Diskografie geworden – das Kollektiv hat seine musikalische Mitte gefunden.

Es gibt aber auch Neues zu entdecken. Die Singles “Hey, Ma” und “U (Man Like)” sind unglaublich groß, einnehmend, gewohnt ausgeklügelt – und überraschend eingängig. Songs mit derartigem Hit-Potential sind ungewohnt für das Kollektiv, aber eine mehr als willkommene Abwechslung und zusammen mit der aus der kummulierten Erfahrung heraus entstandenen Fahrtrichtung genau die passende Vorbereitung, um für den nächsten Winter gewappnet zu sein. Und dass dieser auch kommt ist sicher, schließlich folgt auf ein Jahr immer sofort das nächste.

Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Junky, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.