Spanish Love Songs – Brave Faces Everyone

Die amerikanischen Punk-Lieblinge Spanish Love Songs liefern mit ihrem neuen Album genau den emotionalen Support, den viele Menschen in diesen schwierigen Zeiten dringend benötigen.

Das Jahr 2020 ist gerade mal einen Monat alt, aber schon fühlt es sich mit all den weltlichen Entwicklungen an, als ob wir mindestens schon wieder Halbzeit hätten: Die USA sind auf Kriegskurs, Australien brennt und ertrinkt gleichzeitig und das Coronavirus sorgt für die nächste große Panikwelle. Genug also, um den Kopf in den Sand stecken zu wollen. Wer in solch sowieso schon niederschlagenden Zeiten dann auch noch mit psychischen Problemen zu kämpfen hat, kann sich schnell komplett am absoluten Tiefpunkt wiederfinden.

Ein Glück, dass sich genau zum richtigen Zeitpunkt Spanish Love Songs wieder mit neuem Material zurückmelden. Zwei Jahre nach dem von Kritikern wie Fans gefeierten Zweitlingswerk Schmaltz liefert die Combo aus Philadelphia wieder den gewohnten und geliebten Emo-Punk in Perfektion. Und zugleich eine für alle zugängliche Katharsis, die mit dem Weltgeschehen am Hadern sind. “Es ist tröstend zu wissen, dass wir uns alle auf dem selben sinkenden Schiff befinden. Wir wollen uns das mit dem Album eingestehen und die Welt damit ein kleines bisschen erträglicher machen, wenn sie es auch nur für 40 Minuten ist“, erklärt Frontmann Dylan Slocum.

Wie schon sein Vorgänger, ist auch Brave Faces Everyone der wohl schönste und hörbarste Win-Win-Deal der Musikszene. Slocum singt und schreit sich wieder die Gedanken und Dämonen aus dem Leib, bis die Stimme kurz davor ist vollends wegzubrechen. Kein Wunder, schließlich ist er diesmal mit noch eindeutigeren Titeln wie “Routine Pain”, “Self-Destruction” oder “Losers” wieder Sprachrohr einer stetig wachsenden Bevölkerungsschicht mit Mental Health-Problemen und anderen inneren Kämpfen.

Die erste Singleauskopplung “Kick” ist dafür ein Musterbeispiel. Allein der Refrain drückt dem Hörer die komplette zynische Wahrheit ins Gesicht wie der Wink mit dem Zaunpfahl, an dem noch die restliche Gartenumrahmung hängt. Die Zeile “Say ‘Keep your head up, if you’re not okay’ / But not okay is what’s expected” übt Kritik an der Gesellschaft und den lächerlich-ernstgemeinten “Lach doch einfach”-Ratschlägen. Da heißt es dann: “Claim you’re a hero / If you could make it off the couch”. Und am Schluss die resignierte Einsicht: “You know the truth in what they say / The world’s gonna kick you either way“.

Die zehn Songs sind eine auf CD/Vinyl gepresste Audio-Therapie, ein Dampf-Ablassen ohne den Mund aufzumachen oder irgendetwas kaputthauen zu müssen. Noch nie hat sich das Baden in süßer Melancholie, schmerzender Nostalgie und harter Selbstreflexion so gut angefühlt wie auf Brave Faces Everyone. 40 Minuten wie ein Gespräch nach einer extrem miesen Woche – aber mit dem besten Freund bei ein paar Bier.

Zugegeben: Aufgrund fehlender Innovationen und ungenutztem Experimentier-Potential könnte die neue Platte auch fast als “Schmaltz 2.0” durchgehen. Das ist jedoch in diesem Fall überhaupt nicht negativ, da sich das amerikanische Quintett nicht nur seiner Stärken bewusst ist, sondern durch die auf sie abgestimmte Produktion diese sogar noch einen Ticken besser ausspielt. Und das lässt sich deutlich raushören: Noch massiver, melodiöser, mitreißender.

Einziges Novum für Spanish Love Songs ist, dass sie sich auf ihrem neuen Album auch in wenigen, aber gut dosierten Momenten kleine Verschnaufpausen gegönnt haben. “Beach Front Property” schaltet ein paar Gänge runter – wenn auch nur in den Strophen. “Dolores” hingegen bekam gegen Ende dann das volle Ruhe-Zugeständnis und sorgt für angenehme Entschleunigung nach dem emotionalen Vollgastrip. Zum Abschluss werden wir mit dem Titeltrack dann aber wieder mit standesgemäßem Druck in die kalte Welt herausgeschmissen. Jedoch nicht ohne das passende Mantra zum Überleben an die Hand zu bekommen: “Brave Faces, Everyone”.

Christian Gschwilm

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Christian Gschwilm

Texter aus Leidenschaft, Konzert-Junky, Bierdeckelphilosoph. Kann ganz gut mit Worten jonglieren und kennt sich im Medien-Zirkus aus.