Hier sieht man das Albumcover von Colure von Howling

Howling – Colure

Die Schnittmenge zweier geographischer Kreise, das ist ein Colure. Er steht sinnbildlich für das Musikprojekt Howling und die musikalische Beziehung, die Frank Wiedemann und Ry X erneut eingehen.

Wer die beiden kennt, hat wohl niemals daran gezweifelt, dass diese Kollaboration fruchtbar sein würde: Frank Wiedemann ist aus der Szene der elektronischen Musik nicht mehr wegzudenken. Gründer des Ausnahmelabels Innervisions, eine Hälfte des Produzentenduos Âme, deren grandiose 2018er LP Dream House wie eine Bombe einschlug. Auch Ry X war nicht untätig und ebenso erfolgreich. Letztes Jahr stürmte er die Charts mit seinem emotionalen Album Unfurl. Sieben Jahre nach ihrem Debüt und selbstbetitelten (Club-)Hit „Howling“ erscheint nun das langersehnte zweite Album Colure.

Das Konzept der sich treffenden Kreise umspannt das ganze Album

Auch das Cover greift die Metaphorik des Titels auf. Zwei ineinander geflochtene Kreise bilden eine Schnittmenge, darüber ist von rechts nach links Howling geschrieben, darunter ganz minimalistisch Colure. Das Design erinnert an das beliebte Dotwork von Tattoo-Artists. Hip ist es schon, auf dem lilafarbenen Hintergrund. Das Album beginnt, nach einem sphärischen Opener, mit zwei ruhigen Stücken, „Pieces“ und „Bind“. Ab dem dritten Track „Healing“ dominiert dann schon der 4/4-Beat, der ab und an von langen dreckig-ravigen Basslines angereichert wird. Das Album nimmt an Fahrt auf, es entsteht ein unerwarteter Spannungsbogen, der in Nummern wie „Body Inside“ gipfelt: fragil, melancholisch, mit einem exzellenten Groove.

Das Projekt vereint zwei scheinbar ungleiche Künstler zu einem ausgewogenen Kunstwerk

Frank Wiedemann und Ry X schaffen es, sowohl den Vocals als auch den Beats den nötigen Platz einzuräumen. Das Soundgerüst baut sich subtil auf, der Gesang wird zweistimmig, alles gipfelt dann in der Klimax, dem Refrain, so man will, wo die Stränge zusammengeführt werden, ohne dabei auf Teufel komm raus zu droppen. Die Songstrukturen gleichen sich häufig, nicht jedoch in „Dew“ etwa: Das Stück ist fast rein instrumental, nur selten erklingt Ry X‘ geloopte Stimme und reichert so die dicht verwebte Melodie an. Auch das Remake von „The Water“ (das Original findet sich auf Ry X’ Unfurl) sträubt sich gegen jegliche Einordnung, fängt es doch vergleichsweise poppig an, lässt dann aber den Beats bis zum Ende viel Raum – der Gesang steigt dezent wieder ein und begleitet bis zum Schluss.

Die Stücke haben eine ungeheure Leichtigkeit und vereinen tatsächlich die Attribute zweier scheinbar ungleicher Künstler. „Wir wollten, dass die Leute sofort merken: Das ist ein Howling-Track“, sagt Frank Wiedermann. Das ist ihnen definitiv gelungen, denn was sie und die Tracks eint, ist die Dichte, das Repititive, und natürlich die Komplexität der Produktionen. Interessanterweise sind eine soulig-folkige Stimme und detailverliebter Deep House, so lehren es uns Howling, kein Widerspruch – und das ist auch gut so.

Colure von Howling erschien am 24. Juli 2020 via CounterRecords/GoodToGo und kann hier erworben werden.

Henrik Willun

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