Hier sieht man das Cover von Isles.

Bicep – Isles

Ethno trifft Trance trifft Breakbeat: Auf ihrem zweitem Album Isles reflektieren Bicep ihr Leben zwischen zwei Inseln und die exotischen Einflüsse des gesamten Globus, die da draußen auf sie gewartet haben.

Die Erfolgsgeschichte hinter dem nordirischen Duo Bicep ist kein Geheimnis: Andrew Ferguson und Matthew McBriar kennen sich schon seit Schulzeiten. Was sie verband, war das gemeinsame Feiern. Sie starteten in ihren 20ern mit dem Blog „Feel My Bicep“ durch, für den sie seltene, ungehörte Techno-Raritäten ausgruben und dort veröffentlichten. Als es damit gut lief, kündigten sie ihre Jobs, zogen nach London, begannen zu produzieren und sich Stück für Stück einen Platz im Techno-Olymp zu erobern. So weit, so gut.

Isles verbindet die elektronische Musik Irlands mit der Englands, und streut eine ordentliche Prise vom Rest der Welt ein

Noch interessanter als diese Erfolgsgeschichte ist, dass all diese Lebensstationen ihren Platz in der Musik von Bicep gefunden haben. Die trancigen Melodien und Klangteppiche speisten sich aus dem Sound ihrer Jugend aus Belfast, während die deepe, melancholische, träumerische Komponente eher in London verwurzelt läge, verraten Andy und Matt im Interview. Die vielen Ethno-Samples kämen von ihrer Leidenschaft des „Diggens“ im Plattenladen – darauf ist wohl auch die nostalgische Grundstimmung ihres Werks zurückzuführen. Sie seien aber eben auch von dem „Melting Pot“ Ost-London inspiriert.

Wer ebenso eine Freude am Aufspüren und genau Hinhören wie Bicep hat, sollte also auf ihre Internetseite gehen. Dort sind all ihre Tracks mit Samplen – und vor allem: die gesampleten Tracks – zum Streamen hinterlegt. Die reichen von bulgarischer Chor- und malawischer Volksmusik („Apricots“) über Bollywood-Hindi-Vocals („Sundial“) bis hin zu der halligen Stimme von Clara La San („Saku“). Sie erklingen, ohne den ausgetüftelten Drumpatterns und eingängigen Synthesizermelodien die Schau zu stehlen – ein wahrer Schmelztiegel eben.

Nostalgie als Leitmotiv

Diese World-Music-Komponente nimmt einen größeren Raum als auf dem ersten Album ein, was vielleicht auf einer noch tieferen Verwurzelung in London und einer Internationalisierung des Duos beruht. Es ist die logische Schlussfolgerung aus dem Umzug, dem Touren und der steten Verbindung zu Kontinentaleuropa und der Welt. Passender könnte also der Opener nicht mit Atlas betitelt sein: „Es war der erste Track, den wir während der letzten Tour um den gesamten Globus geschrieben haben. Gleichzeitig benutzt niemand das Wort Atlas mehr, es hat etwas Nostalgisches“, erzählen die beiden.

Zeitzeugnis der Pandemie

Ihrem retrofuturistischen Sound bleiben sie also weitestgehend treu. Das Album ist aber auch ein Zeitzeugnis der Pandemie, und die hat Tanzmusik ein Stück weit obsolet gemacht. Biceps Stil war schon immer breakbeatig, auf Isles vermisst man jedoch reine, pure Dancetracks. Kleines Trostpflaster: Die Stücke werden für die Liveshow neu arrangiert, der Listening- zum Dance-Charakter umgewandelt. Hoffen wir also, dass wir dieses Jahr in einen Bicep-Face-to-Face-Genuss kommen. Bis dahin gibt’s am 26. Februar eine Corona-konforme Online-Live-Performance aus der Londoner Saatchi Gallery.

Isles erschien am 22. Januar 2021 via Ninja Tune.
Henrik Willun

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